Der Titel „Wohlstand ohne Wachstum?“ ist meiner Meinung nach definitiv keine rhetorische Frage, da man dieses in letzter Zeit sehr relevant gewordene Thema differenzierter und vor allem interdisziplinärer betrachten muss. Konkret meine ich damit, dass man die Situation in den Entwicklungs- und Schwellenländern in keiner Weise mit der westlichen Welt vergleichen kann.
Der renommierte Ökonom Paul Collier analysiert dies in seinem Buch „The Bottom Billion“ folgendermaßen: Dadurch dass 58 Länder (ein Sechstel der Weltbevölkerung) mit Problemen wie der Konfliktfalle, der Ressourcenfalle, schlechter Regierungsführung, Binnenlage und schlechter Nachbarschaft zu kämpfen haben und sich deren Ökonomien dadurch seit Jahren sozusagen im freien Fall befinden, ist es dort nur möglich, Wohlstand durch Wirtschaftswachstum zu erreichen. Ich selbst bereise zurzeit Entwicklungsländer wie Laos und Kambodscha und habe dadurch ein gutes Bild von der aktuellen Situation in diesen Ländern. Den Leuten dort ist absolut bewusst, dass sie aus ihren teilweise miserablen Lebensbedingungen nur durch Wachstum und Wirtschaftsaufschwung entfliehen können – zu Wohlstand ist es danach jedoch auch noch ein langer und harter Weg.
Die Situation in der westlichen Welt sieht jedoch völlig konträr aus. Auch wenn die Definition von Wohlstand subjektiv ist, kann man behaupten, dass bei uns ein Großteil der Bevölkerung in Wohlstand lebt – Stichwort hoher Lebensstandard und hohes Bruttoinlandsprodukt.
Leider basierte in den letzten Jahrzehnten die Grundannahme, dass Entwicklung nur durch ständiges Wachstum und kontinuierliches Anhäufen von materiellen Gütern möglich sei.
Bereits 1972 analysierte der Club of Rome die Grenzen des Wachstums, jedoch blieben die alten gesellschaftlichen Paradigmen erhalten, wobei es doch für jeden rational denkenden Menschen logisch sein müsste, wohin ein exponentielles Wachstum bei endlichen Ressourcen und der irreversible Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen führen.
Am Horizont ist jedoch Besserung in Sicht, da die alten Glaubenssätze durch die Finanzkrise, den Klimawandel und die Ökologisierung eines Teiles der Gesellschaft derart erschüttert wurden, dass Platz für neue innovative Ideen anstatt der alten Wachstumsideologie geworden ist.
So schreibt beispielsweise Meinhard Miegel in „Exit: Wohlstand ohne Wachstum“ über die geschichtliche Entwicklung der Wachstumsideologie und behauptet, dass das Wachstumspotenzial bereits ausgereizt ist.
In dem Punkt, dass wir unser Wertesystem überdenken müssen, stimme ich völlig mit Miegel überein, da in der Glücksforschung mittlerweile bewiesen wurde, dass ab einem bestimmten Niveau des materiellen Wohlstands, das wir im Westen bereits erreicht haben, jede weitere Steigerung keine bedeutende Verbesserung bewirkt. Oft ist der Konsum von materiellen Gütern lediglich ein Prestige-Akt, da viele Konsumenten befürchten, dass sie sonst aus bestimmten sozialen Gruppen ausgeschlossen werden würden. Manifestiert durch permanente Werbung im Alltag und den dadurch entstehenden Drang zum Konsum wird dadurch vielen Menschen der Konsum fast aufdiktiert, um in der Gesellschaft bestehen zu können.
Die Situation, in der wir uns zurzeit befinden, sehe ich als Herausforderung und Chance zugleich, denn unsere Generation hat es in der Hand, wie sich unser Planet und die Gesellschaft entwickeln werden. Aber für einen Systemwechsel sind grobe Änderungen von Nöten, wie z.B. die Entschleunigung unserer Leben durch Herunterschrauben unserer Konsumaktivitäten, sowie das Stärken unserer Regionalökonomien.
In den Ländern der „untersten Milliarde“ ist Wachstum jedoch essenziell, da ansonsten kein Ausweg aus der Entwicklungsfalle besteht und der ökonomische Spalt zum Westen nur noch größer werden würde.
(Dieser Text entstand im Zuge der Aufnahme für ein Universitätsprogramm)







